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26.06.2015

Kommentar von Andrea Rädlein zu den therapeutischen Beschlüssen der Gesundheitsministerkonferenz:

Ich weiß aus der täglichen Praxis: Die therapeutische Versorgung der Patientinnen und Patienten ist teilweise heute schon gefährdet. Es besteht akuter Handlungsbedarf für Patienten und auch für uns Therapeuten. Doch was signalisiert die Politik? Sie verschiebt nachhaltige Verbesserungen in der Patientenversorgung - möglicherweise sogar für Jahre. Das kann und darf nicht sein!

Um was genau geht es? Am 24. und 25. Juni haben die Gesundheitsminister und Senatoren der Bundesländer getagt und Beschlüsse gefasst. Im Beisein des Bundesministers für Gesundheit Hermann Gröhe hat die Gesundheitsministerkonferenz Empfehlungen und Arbeitsaufträge an das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) formuliert. Von einem Beschluss sind auch die therapeutischen Berufe unmittelbar betroffen: Unser Berufsgesetz soll - neben dem von zehn anderen Gesundheitsberufen - modernisiert werden. Diesen Beschluss begrüßen wir außerordentlich. Denn: Eine Modernisierung und Neudefinition unserer Kompetenzen ist längst überfällig.

Mit ihrem Beschluss nimmt die Politik eine langjährige Forderung von uns auf. Allerdings wissen wir, dass solche grundlegenden Modernisierungen bis zu zehn Jahre dauern können. Im Klartext: Die nächsten zehn Jahre profitieren Patientinnen und Patienten noch nicht von einer gestärkten Physiotherapie. Das halten wir für falsch und fahrlässig. Besonders vor dem Hintergrund des immer stärker spürbaren Fachkräftemangels und der rückläufigen Ausbildungszahlen in der Physiotherapie.

Eine nachweislich effiziente Verbesserung der Versorgung wäre schnell, einfach und rechtssicher möglich – mit dem Direktzugang der Patienten zum Physiotherapeuten auf Selbstzahlerbasis. Das Bundesverwaltungsgericht hat längst entschieden: Physiotherapeuten mit ausreichender Qualifizierung, die in 60 UE erworben werden kann, dürfen Patienten direkt behandeln. Damit dies ohne Umweg über den Teilheilpraktiker in Zukunft möglich ist, bedarf es nur einer Ergänzung in unserem Berufsgesetz. Es ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar, diesen Mehrwert für Patienten an eine komplette Novellierung unseres Berufsgesetzes zu koppeln. Der Direktzugang erhöht nachweislich die Patientenzufriedenheit. Er ist sicher und verbessert die Versorgung. Das ist international wissenschaftlich bewiesen. Wir fordern die Politik deshalb auf, ohne weitere Zeitverzögerung den Patientinnen und Patienten diese Option des direkten Kontaktes zu ermöglichen und eine Ergänzung unseres Berufsgesetzes zeitnah noch in diesem Jahr auf den Weg zu bringen. Alle Voraussetzungen dafür liegen auf dem Tisch.

Neben der Novellierung der Berufsgesetze soll laut Gesundheitsministerkonferenz das BMG prüfen, wie die berufsrechtlichen Voraussetzungen für Modellvorhaben in der Patientenversorgung geschaffen werden können. Auch das halten wir für einen Verschiebebahnhof, der zu Lasten unserer Patienten geht. Denn: Der Gesetzgeber hat diese Möglichkeit schon vor mehr als sieben Jahren mit Blick auf die Pflege eingeführt. Zufriedenheit und Versorgung von Patienten haben sich gerade im ländlichen Raum nachweislich durch AGNES und andere Pflegemodelle verbessert. In die Regelversorgung ist aber bislang keines der Erfolgsmodelle übergegangen. Wie kann das sein? Wer blockiert hier die Weiterentwicklung der Patientenversorgung?

Bereits in der nächsten Woche werden wir Gespräche zu all den genannten Punkten in Berlin aufnehmen und klar unsere Position dazu wiederholen. Wenn man den Patientennutzen in den Vordergrund stellt, dann muss man auch entsprechend handeln und zwar jetzt – nicht erst in ungewisser Zeit mit ungewissem Ausgang.

Die Politik sagt, die Attraktivität unseres Berufs muss steigen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Unser Beruf wird aber nur attraktiver, wenn die Vergütung steigt, Ausbildung kostenfrei wird und wir entsprechend unserer Kompetenzen unsere Patienten versorgen dürfen. Hier muss sich zeitnah etwas tun, sonst gerät die Patientenversorgung in akute Schieflage.

Wir müssen als Berufsgruppe zusammenstehen und uns von der Politik nicht aufs Abstellgleis schieben lassen. Dafür kämpfen wir, und wir werden weitere Unterstützer für unsere Forderungen gewinnen.

Unterstützen Sie uns dabei, auf uns, die Potenziale der Physiotherapie und die mangelhaften Rahmenbedingungen aufmerksam zu machen. Guter Wille der Politik reicht längst nicht mehr aus. Die Politik muss handeln und Weichen stellen, die den Patienten heute helfen!

In diesem Sinn,

Ihre Andrea Rädlein
(Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapie)