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25.01.2019

Aus der Forschung in die Praxis: Leitlinien als Ergänzung eigener Therapieideen

Unter einer medizinischen Leitlinie versteht man eine wissenschaftlich fundierte und praxisorientierte Handlungsempfehlung zur Therapie eines Krankheitsbildes. In Deutschland werden Leitlinien federführend von medizinischen Fachgesellschaften zusammen mit anderen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen entwickelt. Die Veröffentlichung übernimmt meist die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). PHYSIO-DEUTSCHLAND arbeitet durch Mandatsträger mit den jeweiligen Fachgesellschaften zusammen und liefert den fachlichen Hintergrund bei physiotherapeutischen Fragestellungen.

Grundsätzlich sind die Aussagen einer Leitlinie als Empfehlungen zu verstehen. Wie wir bereits in unserem ersten Artikel zur evidenzbasierten Medizin vorgestellt haben, sind die klinische Erfahrung des behandelnden Physiotherapeuten und die Werte und Wünsche des Patienten ebenso wichtig für die Auswahl des Behandlungsverfahrens.

S-Klassifikation zur Kennzeichnung der Arbeitssystematik
Um die Empfehlungen zu erarbeiten und zu formulieren, hat die AWMF vier unterschiedliche Stufen festgelegt. Je nachdem, welche Vorgehensweise bei der jeweiligen Leitlinie verwendet wurde, wird dem Titel eine der folgenden S-Klassen vorangestellt:

  • S1: Eine Gruppe von Experten trägt Empfehlungen zusammen und beschließt sie informell.
  • S2k: Es wird ein repräsentatives Gremium aus Experten gebildet, dieses diskutiert Empfehlungen und stimmt sie in einer strukturierten Konsensuskonferenz ab.
  • S2e: Die Empfehlungen werden auf Basis einer systematischen Literaturrecherche, Auswahl und Bewertung erarbeitet.
  • S3: Eine Kombination aus S2k und S2e, zunächst wird eine Literaturrecherche durchgeführt, deren Ergebnisse anschließend innerhalb der Expertenkommission systematisch abgestimmt werden.

S3-Leitlinien verfügen damit über die höchste wissenschaftliche Aussagekraft, der Arbeitsprozess ist jedoch sehr aufwändig, weshalb hauptsächlich zu verbreiteten Krankheitsbildern wie Kreuzschmerz oder Asthma Nationale Versorgungsleitlinien auf S3 Niveau entwickelt werden.

Empfehlungsgrade zur besseren Orientierung innerhalb der Leitlinie
Leitlinien beschäftigen sich mit einem Krankheitsbild und der umfassenden medizinisch- therapeutischen Versorgung. Sie sind deshalb meist sehr umfangreich und bilden den Behandlungsprozess vieler medizinischer Berufe ab. Zur besseren Orientierung innerhalb des Textes werden die Empfehlungen einer Leitlinie deshalb in den nachfolgenden Empfehlungsgraden wiedergegeben:

  • A entspricht einer starken Empfehlung oder Ablehnung einer Methode. Diese soll oder soll nicht beim entsprechenden Krankheitsbild angewendet werden.
  • B weist einen etwas niedrigeren Empfehlungsgrad auf. Die Technik sollte oder sollte nicht verwendet werden.
  • C kennzeichnet den niedrigsten Empfehlungsstand und kann beziehungsweise kann nicht genutzt werden.

Fehlen aussagekräftige Studien zum Thema, wird Empfehlungsgrad 0 vergeben. Dieser entspricht der Aussage „Empfehlung offen“ und kann deshalb zur Behandlung erwogen werden, ein gesicherter wissenschaftlicher Nachweis besteht aber zum derzeitigen Zeitpunkt nicht.
Die Beschäftigung mit Leitlinien lohnt sich, um einen qualitativ hochwertigen Überblick über den Stand der Forschung zur Behandlung eines Krankheitsbildes zu gewinnen. Sie ist hilfreich beim interdisziplinären Arbeiten, dem Hinterfragen der eigenen Methoden und der Standardisierung von Behandlungsabläufen. Die letzte Entscheidung über den Verlauf des Behandlungsprozesses kann und soll eine Leitlinie aber nicht abnehmen, sondern hilfreich ergänzen.
Eine Zusammenstellung interessanter Leitlinien für Physiotherapeuten finden Sie direkt hier auf unserer Homepage.