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26.04.2019

Fokus Forschung: Befundung Mobilitätseinschränkungen bei Multiple Sklerose

Vor den Osterfeiertagen haben wir Ihnen bereits die Studie "Bewegungstherapie zur Verbesserung der Mobilität von Patienten mit Multiple Sklerose" vorgestellt, die unter führender Mitarbeit von Reina Tholen von PHYSIO-DEUTSCHLAND entstanden ist. In unserem heutigen Artikel möchten wir Ihnen einige in der Studie verwendeten Assessments vorstellen, die Sie in Ihrer Praxis zur Befundung von MS-Patienten nutzen können.

Beurteilung des Krankheitsverlaufs: Expanded Disability Status Scale (EDSS)

Die sechsstufige EDSS ist eine der am häufigsten genutzten Skalen zur Befundung von Multiple Sklerose. Sie basiert auf der Beschreibung von Funktionsdefiziten, die sich an der klassischen neurologischen Untersuchung orientieren. So werden neben der Gehfähigkeit, Mobilität und Motorik auch Funktionen, Beeinträchtigung der Hirnnerven, des sensorischen Systems oder der Kognition geprüft. Die einfach anwendbare EDSS ist kostenlos und auf Deutsch verfügbar. Allerdings bietet sie eine grobe Einschätzung über den Fortschritt der Erkrankung und ist daher für die Therapieplanung allenfalls als grobe Orientierung nutzbar. www.ms-gateway.de/diagnose-der-ms/gehfaehigkeit-und-edss-582.htm

Beurteilung der Gehfähigkeit: MS Walking Scale 12 (MSWS-12)

Bei der MSWS-12 handelt es sich um einen Fragebogen zur Gehfähigkeit, der von den Patienten selbst ausgefüllt werden soll. In 12 Fragen können sie eine subjektive Einschätzung ihrer Geheinschränkungen vornehmen. Im Jahr 2016 hat ein Team von Wissenschaftlern die MSWS-12 nochmals überarbeitet und versucht, einige häufig auftretenden Fehler zu beseitigen. Aus dieser Untersuchung ist eine, nur in Englisch, verfügbare Online-Version der Skala entstanden, die frei in der Praxis genutzt werden kann und die Fehlerquote der Antworten berücksichtigt.
https://ms-irt.shinyapps.io/e-MSWS-12/

Beurteilung der Gehgeschwindigkeit: Timed 25-Foot Walk Test (T25FW)

Der T25FW ist Teil des im amerikanischen Raum weit verbreiteten Multiple Sclerosis Functional Composite Assessments (MSFC) und verfügt daher über eine sehr gute Aussagekraft. Vom Untersucher wird eine Strecke von 25 Fuß (= 7,62 Meter) abgemessen und markiert. Diese soll der Patient dann zwei Mal (Hin- und Rückweg) zurücklegen während der Untersucher die Zeit stoppt. Der Patient wird instruiert, so sicher wie nötig, aber auch so schnell wie möglich zu gehen. Zur Auswertung kann das frei verfügbare Manual des MSFC genutzt werden: https://www.nationalmssociety.org/NationalMSSociety/media/MSNationalFiles/Brochures/10-2-3-31-MSFC_Manual_and_Forms.pdf

Beurteilung der Ausdauer: 6-Minute-Walk-Test (6MWT)

Auch das Messen der Ausdauer kann wichtige Hinweise bei der Therapieplanung geben. Der 6MWT ist einer der klassischen zeitgesteuerten Gehtests aus der kardiologischen Praxis, in denen der Patient innerhalb von 6 Minuten so viel Wegstrecke wie möglich zurücklegen soll. Eine Alternative zum zeitaufwendigen und oftmals für Patienten zu anstrengenden 6MWT bietet der 2 Minuten Gehtest. Der Test kann zur Beurteilung des Therapieerfolgs hinsichtlich der Ausdauer genutzt werden.

Beurteilung der Gangsicherheit und Balance: Timed Up and Go (TUG)

Zur Beurteilung der Balance sind zahlreiche Assessments verfügbar, die jedoch häufig einen hohen Einsatz an Materialien oder entsprechenden Zeitaufwand erfordern. Zur Durchführung des TUG benötigt man nur einen Stuhl und eine freie Wegstrecke z.B. einen Flur. Der Patient nimmt auf dem Stuhl Platz und soll auf Startkommando des Untersuchers 3 Meter gehen, sich umdrehen, zurückgehen und wieder hinsetzen. Zur Testdurchführung darf das gewöhnlich verwendete Hilfsmittel (z.B. Rollator) genutzt werden. Der Untersucher stoppt die benötigte Zeit. Als Normwert für Patienten ohne Mobilitätseinschränkungen gilt eine Zeit unter 20 Sekunden.

Beurteilung der Sturzgefahr: Falls Efficacy Scale-International (FES-I)

Neben motorischen Voraussetzungen wird das Sturzrisiko auch durch die persönliche Einschätzung der Patienten beeinflusst. Die FES-I spiegelt deshalb in 16 Fragen typische Alltagssituationen wider, in denen ein Sturzrisiko vorhanden ist, zum Beispiel beim Gehen auf glatten Oberflächen. Die Patienten sollen die Situation beurteilen und einschätzen, ob sie in der geschilderten Situation Angst vor Stürzen hätten. Die FES-I ist auf Deutsch verfügbar und gut in die Anamnese integrierbar.
www.researchgate.net/publication/6887640_The_German_version_of_the_Falls_Efficacy_Scale-International_Version_FES-I/download

Mittels der genannten Assessments ist eine Befundung der Mobilität von MS-Patienten in jeder Praxis und sogar im Hausbesuch möglich. In der nächsten Woche setzen wir unsere Serie mit den Therapieempfehlungen der Studie fort.