Heilmittel-Richtlinie: Gute Ansätze – aber die Praxis hinkt hinterher

Der Fachtag des G-BA zur Evaluation der Heilmittel-Richtlinie machte deutlich: Die Reform hat das System in wichtigen Punkten vorangebracht – aber sie ist im Alltag noch längst nicht da angekommen, wo sie wirken soll.
Unstrittig ist, dass zentrale Elemente der Reform greifen. Die Abschaffung der Regelfallsystematik und die Einführung des Verordnungsfalls haben die Verordnung deutlich vereinfacht. Auch die orientierenden Behandlungsmengen und die größere Flexibilität bei der Auswahl der Heilmittel werden grundsätzlich positiv bewertet. Viele formale Fehler konnten reduziert werden, die Versorgung ist in Teilen kontinuierlicher geworden.
Doch genau hier zeigt sich die zentrale Schwäche: Was auf dem Papier funktioniert, scheitert häufig in der Umsetzung.
Ein zentrales Problem bleibt der bürokratische Aufwand. Trotz Reform berichten Praxen und Ärzte weiterhin von hohem Korrekturbedarf, unklaren Regelungen und zeitaufwendigen Abstimmungsprozessen. Die Entbürokratisierung ist spürbar – aber sie ist nicht konsequent genug umgesetzt.
In der Diskussion wurde besonders deutlich, wie sehr starre Vorgaben den Versorgungsalltag ausbremsen. Die 28-Tage-Frist für den Behandlungsbeginn ist dafür ein prägnantes Beispiel: In vielen Regionen schlicht nicht einhaltbar, führt sie regelmäßig dazu, dass Verordnungen verfallen und Patienten erneut den Weg in die Arztpraxis antreten müssen. Ein System, das Versorgung sichern soll, produziert hier unnötige Umwege.
Hinzu kommt ein strukturelles Kommunikationsproblem. Zentrale Begriffe der Richtlinie werden im Alltag häufig falsch interpretiert. Die „orientierende Behandlungsmenge“ wird nicht selten als feste Obergrenze verstanden – mit der Folge, dass Therapien zu früh beendet oder gar nicht erst ausreichend verordnet werden. Hier zeigt sich deutlich: Eine gute Regelung entfaltet nur dann Wirkung, wenn sie auch verstanden wird.
Auch die Diagnose-Listen für langfristigen Heilmittelbedarf stehen zunehmend in der Kritik. Sie schaffen zwar Sicherheit für bestimmte Patientengruppen, gleichzeitig wächst jedoch die Sorge, dass andere Patienten durch das Raster fallen. Die Diskussion um eine mögliche Zwei-Klassen-Versorgung ist damit längst eröffnet.
Ein weiteres Spannungsfeld ist die Rolle der Gruppentherapie. Sie wird politisch und strukturell als wichtiger Baustein zur Bewältigung des Fachkräftemangels gesehen. In der Praxis bleibt sie jedoch die Ausnahme. Gründe sind nicht nur organisatorische Hürden, sondern auch Zweifel an der Eignung für bestimmte Patientengruppen. Klar wurde: Gruppentherapie kann ein Teil der Lösung sein – aber nicht die Lösung für alles.
Einigkeit herrschte dagegen beim Thema Digitalisierung. Die elektronische Verordnung gilt als Schlüssel, um viele der bestehenden Probleme endlich zu lösen: weniger Medienbrüche, weniger Fehler, klarere Prozesse. Gleichzeitig wächst der Druck, hier schneller voranzukommen. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden – die Umsetzung hinkt hinterher.
Über allem steht die demografische Entwicklung. Der Bedarf an Heilmitteln wird in den kommenden Jahren deutlich steigen, während gleichzeitig Fachkräfte fehlen. Die Frage ist daher nicht mehr, ob das System effizienter werden muss – sondern wie schnell es gelingt, die notwendigen Anpassungen umzusetzen.
Das Fazit unserer Vorstandsmitglieder Prof. Dr. Gabriele Hanne-Behnke und Rainer Großmann - die am Fachtag teilgenommen haben - fällt entsprechend klar aus: Die Reform war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch ohne konsequente Weiterentwicklung, bessere Kommunikation und mehr Praxisnähe droht sie hinter ihren Möglichkeiten zurückzubleiben. Jetzt geht es darum, aus Erkenntnissen auch Entscheidungen zu machen.
Was jetzt passieren muss:
- Bürokratie weiter konsequent abbauen
- Die therapeutische Expertise konkret einsetzen
- Regelungen verständlicher und praxisnäher gestalten
- Fristen flexibilisieren (z. B. Behandlungsbeginn)
- Fehlinterpretationen gezielt abbauen
- Digitalisierung beschleunigen (E-Verordnung)
- Versorgungskapazitäten strategisch weiterentwickeln