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03.06.2026 – Regionalverband Baden-Württemberg

Kurzinterview: Physiotherapie ist eine tragende Säule der Schmerzmedizin

Im Vorfeld des Bundeskongress Physiotherapie am 8. und 9. Oktober 2026 in Augsburg spricht die Keynote-Speakerin des Kongresses PD Dr. rer. nat. Ulrike Kaiser über die zentrale Rolle der Physiotherapie in der modernen Schmerztherapie – und darüber, warum ein biopsychosoziales und interdisziplinäres Vorgehen alternativlos ist.

Frau Dr. Kaiser, welche Rolle spielt die Physiotherapie aus Ihrer Sicht in der Schmerztherapie?


Für mich ist die Physiotherapie eine wesentliche Säule der Schmerzmedizin – so wichtig, dass ich mir die Behandlung von Patient*innen mit Schmerzen ohne sie nicht vorstellen kann. Sie bildet im biopsychosozialen Schmerzverständnis die Grundlage im somatisch-funktionellen Bereich und schafft zugleich die wichtige Brücke zu Verhalten, Körperwahrnehmung und Funktionsfähigkeit. Darauf bauen auch meine psychologischen diagnostischen und therapeutischen Überlegungen auf.

Allerdings kann diese Rolle auch kritisch sein: Patient*innen vertrauen Physiotherapeut*innen häufig zunächst stärker als Psycholog*innen. Wenn Physiotherapie sich dann zu stark auf vermeintliche strukturelle oder funktionelle lokale Mechanismen, bspw. nur die Schulter oder das Knie allein, konzentriert, vorrangig passive Maßnahmen einsetzt und die Patient*innen nicht in die Eigenverantwortung bringt, kann das langfristig durchaus mehr schaden als nützen. Es erschwert zudem die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Deshalb brauchen wir in allen beteiligten Disziplinen – Medizin, Physiotherapie, Psychologie – ein gemeinsames biopsychosoziales Grundverständnis. Dieses muss bereits beim akuten Schmerz beginnen: Schmerz entsteht immer im Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Entsprechend müssen auch Therapieansätze individuell, kontextsensibel und auf die Ressourcen und Fähigkeiten der jeweiligen Person zugeschnitten sein.

Von meinen physiotherapeutischen Kolleg*innen wünsche ich mir sanfte Ermutigung der Patient*innen, ihrem Körper zu vertrauen, ihre körperlichen Ressourcen- hier vor allem den Spaß an der Bewegung- wiederzuentdecken und sich ein wenig mit den Zusammenhängen zwischen körperlicher Aktivität, Schmerz und ihrem Wohlbefinden auszukennen.

   

Warum ist der biopsychosoziale und interdisziplinäre Ansatz für Sie der richtige Weg?


Der biopsychosoziale Ansatz ist für mich nicht nur „richtig“ – er ist alternativlos. Wir wissen heute, dass sowohl periphere als auch zentrale Prozesse am Schmerzerleben beteiligt sind. Zu den zentralen gehören physiologische ebenso wie psychologische Mechanismen. Gleichzeitig beeinflusst das Umfeld über Lernprozesse kontinuierlich diese Abläufe. Kurz gesagt: Alles wirkt auf alles.

Beim interdisziplinären Ansatz wünsche ich mir jedoch für ein differenziertes Vorgehen. Nicht jeder wiederkehrende oder anhaltende Schmerz braucht sofort eine umfassende multimodale Therapie. Manchmal reicht eine gezielte Maßnahme – etwa ein Medikament, eine physiotherapeutische Intervention oder ein kurzer psychotherapeutischer Impuls.

Je komplexer jedoch die Einflussfaktoren werden, desto wichtiger sind kombinierte, multimodale Behandlungen. Diese erfordern eine enge Abstimmung zwischen den Disziplinen. Fehlt diese, ziehen die verschiedenen Behandler*innen oft in unterschiedliche Richtungen – mit der Folge, dass sich für die Patient*innen nichts verbessert und sie vor allem nur noch mehr verwirrt sind. Durch echte interdisziplinäre Zusammenarbeit können Ressourcen sinnvoll genutzt, Patient*innen wirksam unterstützt und auch Behandler*innen vor Überlastung geschützt werden.

Vielen Dank für das Gespräch und wir sehen uns auf dem Bundeskongress Physiotherapie im Oktober in Augsburg!

   

Bundeskongress Physiotherapie 2026 – jetzt anmelden und dabei sein!

Das Thema Schmerz steht am 8. und 9. Oktober 2026 im Mittelpunkt des Bundeskongress Physiotherapie. Auch 2026 bietet der Kongress eine Plattform für den Dialog zwischen verschiedenen Berufsgruppen und stellt moderne, patientenzentrierte Versorgungskonzepte in den Fokus. Freut euch auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, praxisnahe Ansätze und einen interprofessionellen Austausch.

Alle Informationen zum Programm sowie zur Anmeldung finden Interessierte hier.

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