Nachbericht zum Treffen der AG Lehrende am 20.03.2026

Die Lehrkräfte repräsentieren unterschiedlichste Arbeitgeber, staatliche und private und haben z.T. zusätzliche Koordinatoren- und Leitungsaufgaben, so dass auf eine breite Wissens- und Erfahrungsebene zurückgegriffen werden konnte.
Peter Hinterberger von der BFS-Freiung-Grafenau stellte die Ergebnisse seines Schulprojektes dar. Zusammen mit dem Tourismus- und Bad Gasteiner Heilstollenverband wurden u. A. Schüler-innen, Berufsanfänger und Arbeitgeber nach ihren Erfahrungen und den darauf abzuleitenden „Forderungen“ befragt.
Auch aus diesen Ergebnissen und der sonst an diesem Tage häufig aufkommenden Diskussion unter den Lehrkräften sehen wir auf vielen Ebenen dringenden Handlungsbedarf:
1. Große strukturelle Inhomogenität der Schüler-Innen:
Schüler-innen von staatlichen BFS, die angestellt sind, eine Ausbildungsvergütung bekommen und z.T. von Praxisanleiterinnen betreut werden, die kaum Anbindung an die Schule haben.
Schüler-innen von privaten Bildungsträgern, die keine Vergütung bekommen und deren praktische Ausbildung von der Kooperation mit verschiedenen Leistungsanbietern abhängt. Und die Studierenden, die darüber hinaus mit weitergehenden pädagogischen Zielsetzungen begleitet werden müssen.
Diese Inhomogenität bringt einen hohen Verwaltungsaufwand und viele Zielkonflikte mit sich, z.B. in der Regelung Urlaubstage oder Schulferien.
2. Die Berufsfachschulordnung (1994) als Grundlage für die Ausbildung ist seit Jahren reformbedürftig. Die seit 2013 gültige Empfehlung eines handlungsorientierten Unterrichts (Handlungsempfehlung für den Unterricht, ISB) in Handlungsfeldern ist für viele Lehrkräfte logisch und wird an einigen Schulen umgesetzt. Jedoch erwartet die Notengebung eine rückwirkende Einordnung von Leistungen in den „Fächern“, was zusätzliche Arbeit darstellt und eine weitere Barriere für die Umsetzung darstellt.
3. Bundesweit gibt es ein Rahmencurriculum, welches nicht verbindlich ist. Die Bundesländer Bayern und Sachsen haben verbindliche Curricula, die von den Schulen unterschiedlich gewichtet werden. Diese Curricula geben eine strenge Fächerzuordnung und Lehrkraftanforderungen an, die handlungsorientierten Unterricht nicht vorsieht.
4. In vielen Fachbereichen findet keine oder eine nur unzureichende praktische Ausbildung statt. Besonders häufig in den Bereichen: Psychiatrie/Psychosomatik, Innere Medizin, Pädiatrie, Geburtshilfe/Gynäkologie/Urologie. Die Gründe sind dafür vielfältig: Fehlende Fachkompetenz von Kolleg-innen, die die entsprechenden Bereiche betreuen, fehlendes Verständnis für die Evidence und Effekte für eine Physiotherapie auf Leitungsebene, mangelnde Anforderung und Interesse von ärztlicher Seite. Dazu kommt, dass die Patientinnen hier auch wenig informiert und sensibilisiert sind, wie Physiotherapie wirken könnte. Dadurch ergibt sich eine fehlende Sozialisierung von medizinischem Personal und Ärzt-Innen. Dem wichtigen Gedanken des Interprofessionellen oder Multiprofessionellen Arbeitens läuft dieser Trend entgegen. Das neue Krankenhausfinanzierungsgesetzt stellt in Aussicht, dass es deutlich weniger klinische, diagnosebezogene Physiotherapie geben soll. Dies wird, sollte es keine Änderung geben, die Plätze für die praktische Ausbildung deutlich reduzieren. Das ist besonders in den o.g. Bereichen zu erwarten und wird dadurch einen sicheren Wissensstand und die notwendigen „Basiserfahrungen“ für Schüler-Innen unmöglich machen.
Ein positives Beispiel sind die interdisziplinären Studiengänge an der UNI Augsburg.
5. Der zur Finanzierung der Schulen aufgesetzte Gesundheitsbonus läuft Ende 2026 aus. Es ist zu vermuten, dass er weitergeführt wird, es gibt keine Planungssicherheit für die Schulen.
6. Eine Initiative der EU-Kommission, die Physiotherapie im EQR abzustufen, konnte durch Physio Deutschland verhindert werden.
Es wurde kritisch diskutiert, dass es Projekte gibt in der die Arbeitsagenturen ausländische Kolleg-innen nach Deutschland holen und die Anerkennung ausländischer Abschlüsse vereinfacht werden soll.
7. Die Öffnungsklausel als Teil-Schritt in die Akademisierung ist weiterhin verschoben und zum 31.12.2026 limitiert. Damit ist auch der vom Wissenschaftsrat geforderte Anteil von 20 % der Physiotherapeut-Innen mit akademischer Ausbildung nicht realisierbar. Und das obwohl bei den wenigen vorhandenen Hochschulen die Anmeldezahlen konstant steigen. Viele Lehrkräfte haben eigenverantwortlich akademische Abschlüsse, entweder im Rahmen der Physiotherapie oder im Rahmen von pädagogischem Wissen. Beides wird in der Regel nicht monetär honoriert. Auch hier gibt es einen Reformstau und viele biografische Enttäuschungen. Im Eckpunktepapier von 2018 sind die Forderungen für diesen Transformationsprozess gut beschrieben.
8. Die Handhabung für die praktische Ausbildung (ISB) gibt weiterhin gute Empfehlungen für die praktische Ausbildung. Angelehnt an die Pflege sollte es eine Verpflichtung zur pädagogischen Weiterbildung für die zuständigen Fachkräfte geben, auch diese Regelung ist nicht absehbar. Der Bedarf dafür ist hoch und notwendig.
Die junge Generation hat es mehr als verdient mit guten pädagogischen Impulsen in der Ausbildung begleitet zu werden. Das würde auch die Abbruchrate und Ausstiegsrate senken.
9. Herr Andreas Oelmann hat in seiner Präsentation aufgezeigt, wie die Lernfelder in einer dualen Berufsschulischen Didaktik erweitert werden müssten. Mit einem Spiralcurriculum und den entsprechend anzuwendenden Operatoren könnte die Umsetzung im Unterricht noch genauer geplant werden.
10. Frau Evi Reichert berichtet über die ersten Erhebungen zum Thema: Blankoverordnung: Viele teilnehmende Kolleg-innen haben Weiterbildungen wie MT, KGG und MLD, arbeiten mehrheitlich in Großstädten und sind ca. 21 Jahre berufstätig, 30 % der Teilnehmenden haben einen akademischen Abschluss. Schüler-innen können aus diesen ersten Erfahrungen hoffen, dass es weitere Schritte in Richtung Direktzugang gibt.
11. Die Verbesserung der Honorierung im Praxisbereich um ca. 6 % in den letzten beiden Jahren ist hocherfreulich. Zunehmend wird es eine Herausforderung für die Lehrteams und Schulleitungen Lehrkräfte zu finden, da die monetäre Entlohnung in der Regel deutlich unter der der Praxistätigkeit liegt.
12. Wenn die Lehrkräfte für diesen wichtigen und wertvollen Beruf weiterhin junge Leute begeistern und qualitativ hochwertig ausbilden sollen, brauchen wir dringend strukturelle-politische Reformen. Der politische Druck muss erhöht werden.
13. Unser Beruf ist von Fachkräftemangel stark betroffen, die Ausbildung sollte so strukturiert sein, dass gegen diesen Trend gearbeitet werden kann.
14. Wir werden weiter für unsere Schüler-innen aktiv sein. Und die Schüler-innen dabei unterstützen, sich berufspolitisch zu engagieren. Das Juniorengremium des RV Bayern wird sie unterstützen.
Für die AG Lehrenden
Christiane Rothe
Termine:
Das nächste Berufseinsteigerforum ist für den 04.12.2026 geplant.
Der nächste Bundeskongress findet am 08. und 09.10.2026 in Augsburg statt.
Die Bundesdeligiertenkonferenz findet am 17.04.2026 statt.
Das nächste Treffen der AG Lehrenden wird in Erlangen am 13.11.2026 stattfinden.
Zum Vertiefen und Weiterlesen:
- www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_1717632.jsp
- Eckpunktpapier zum Transformationsprozess von BFS in der Physiotherapie 2030
- https://www.che.de/2023/akademisierung-der-therapieberufe-deutschland-droht-den-anschluss-zu-verlieren/#:~:text=International%20ist%20die%20akademische%20Ausbildung,dreij%C3%A4hrige%20Berufsausbildung%20an%20einer%20Berufsfachschule.
- Eckpunktepapier Gesundheitsberufe, Bund Länder Arbeitsgruppe
- Referentenentwurf zur Reform der Ausbildung zur Physiotherapie, 2023
- https://www.hv-gesundheitsfachberufe.de/positionspapier-buendnis-therapieberufe-perspektiven-schaffen/
- Umsetzungshilfen zum Lehrplan für Berufsfachschulen für Physiotherapie, 2013, ISB
- Florian Sandeck, Thieme Verlag: Zwischen Schulgeld und Ausbildungsvergütung – Finanzierung der Schulen im deutschen Gesundheitswesen, Gesundheitswesen 2025; 87(10): 635-639DOI: 10.1055/a-2416-0948