12.08.2006
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Bundesverband
Wieder beweglich mit Kunststoff und Metall
Wenn Knie- oder Hüftgelenk bei jeder Bewegung unerträglich schmerzen und nichts mehr hilft, kann ein Kunstgelenk die Beweglichkeit zurückbringen. Es gibt kaum ein Gelenk am Körper, das nicht ersetzt werden könnte. Wie funktioniert so ein Kunstgelenk eigentlich? Und wer braucht eines?
Künstliche Gelenke – der Mediziner nennt sie „Endoprothesen“ – sind heute sehr ausgereift und in vielfältigen Variationen zu haben. Der Aufbau hängt in erster Linie von der Funktion ab, die das Gelenk zu erfüllen hat. Während Knie, Finger und Ellenbogen zum Beispiel nur abgewinkelt und wieder gestreckt werden können, sind im Hüftgelenk und besonders an der Schulter auch Rotationsbewegungen möglich.
Entsprechend sehen die Gelenke aus: Das Knie als so genanntes Sattelgelenk erlaubt Bewegungen nur in einer Ebene und wird vor Überstreckung auch noch durch die Kniescheibe beschützt. Hüfte und Schulter sind Kugelgelenke; sie bestehen aus einer Gelenkpfanne, in der der kugelförmige Kopf des Oberschenkel- oder Oberarmknochens mehr oder minder frei rotieren kann. Alle Gelenke werden außerdem durch einen Bänderapparat und die umgebende Muskulatur stabilisiert und teilweise durch Bindegewebspuffer gegen zu hohe Belastungen geschützt. Solche Puffer findet man z.B. am Knie in Form der Menisken. Auch die Knorpelschicht wird nachgebildet.
Die Kunstgelenke bilden das natürliche Gelenk so exakt nach, wie es geht. Das ist nicht ganz einfach, weil ein Gelenk viel mehr ist als nur zwei oder drei Knochen, die sich gegeneinander verschieben lassen. In jedem Gelenk findet sich eine Knorpelschicht, die den Knochen schützt und dafür sorgt, dass die Bewegung reibungslos abläuft. Auch solche Strukturen müssen nachgebildet werden, damit das Kunstgelenk möglichst natürlich funktioniert.
Für ein und dasselbe Gelenk gibt es Dutzende von Prothesenmodellen, unter denen der Arzt je nach individuellem Fall das am besten geeignete auswählt. Am Beispiel des Hüftgelenks lässt sich gut veranschaulichen, wie ausgefeilt die Gelenkersatztechnologie heute ist.
Üblicherweise wird ein verschlissenes Hüftgelenk komplett ersetzt. Das bedeutet: Am Beckenknochen wird eine neue, aus Kunststoff oder Metall bestehende Gelenkpfanne eingesetzt, am Oberschenkelknochen der Gelenkkopf durch eine Kugel aus Metall oder Keramik ersetzt. Diese Kugel sitzt auf einem Stahl- oder Titanschaft, der im Oberschenkelknochen verankert wird.
Die Prothesenteile können dabei mit Zement am Knochen festgeklebt oder zementfrei eingesetzt werden. Das Zementverfahren hat den Vorteil, dass das Kunstgelenk fest sitzt und voll belastet werden kann, sobald der Zement – übrigens kein Bauzement, sondern ein Kunststoffkleber – ausgehärtet ist. Die zementfreien Prothesen sind dafür mit einem Material beschichtet, das es dem Knochen erlaubt, in die Prothesenoberfläche einzuwachsen. Die Vorteile: Sie scheinen länger zu halten und lassen sich leichter austauschen als zementierte Kunstgelenke. Bei jüngeren Menschen, deren Knochen noch relativ aktiv ist und gut heilt, werden bevorzugt zementfreie Prothesen verwendet. Es gibt aber auch die Möglichkeit, nicht das ganze Gelenk zu ersetzen, sondern nur defekte Abschnitte. So können die Gelenkflächen mit einer Art Krone versehen werden, ähnlich wie bei kaputten Zähnen. Bei Kniegelenken ist diese Technik mittlerweile Routine, aber auch bei Hüftgelenken wird sie bereits angewendet. Voraussetzung ist natürlich, dass der Knochen noch so gesund ist, dass sich die Krone stabil darauf verankern lässt.
Künstliche Gelenke halten aber nur 15 Jahre
Ein Kunstgelenk wird in der Regel nur dann eingesetzt, wenn es nicht mehr anders geht, der betroffene Mensch beispielsweise kaum noch laufen kann, weil die Hüfte steif ist oder stark schmerzt. Der Grund ist, dass solche Gelenke nicht ewig halten und nur ein- bis zweimal ausgetauscht werden können. Man rechnet, dass künstliche Hüft- und Kniegelenke etwa 15 Jahre halten, bevor sie sich lockern und gewechselt werden müssen. Deshalb wird versucht, den Einsatz so lange wie möglich hinauszuzögern. Der Patient kann dazu beitragen, dass sein Kunstgelenk möglichst lange hält. Rehabilitation und Krankengymnastik nach der Operation helfen, das neue Gelenk möglichst schonend zu belasten. Sport ist erlaubt und wichtig, weil kräftige Muskulatur das Gelenk entlastet und stabil hält. Allerdings sollte man auf gelenkbelastende Sportarten wie Squash, Tennis und Alpinski verzichten.
Quelle: Medical Tribune Bericht / Ausgabe 3